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©: Severin Hirsch

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Kolumne
zeitenweise – 09

Der Tod und das Zeichen

Erster Satz: Die Abwesenheit des Anderen – Trauer tragen (für Emil)

GROSSE, GLÜHENDE WÖLBUNG
mit dem sich
hinaus- und hinweg-
wühlenden Schwarzgestirn-Schwarm:

der verkieselten Stirn eines Widders
brenn ich dies Bild ein, zwischen
die Hörner, darin,
im Gesang der Windungen, das
Mark der geronnenen
Herzmeere schwillt.

Wo-
gegen
rennt er nicht an?

Die Welt ist fort, ich muß dich tragen.
(Paul Celan)

In unserer heutigen Spaß- und Freizeitgesellschaft ist der Raum für einen angemessenen Umgang mit dem Tod ausgespart. Er ist das Nichts, das sich eigentlich nicht ereignen darf und dennoch zwangsläufig und zielstrebig auf uns zukommt. Statistisch gesehen stirbt jede/r Einzelne von uns. Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Der Tod ist zugleich Individuations- und Vereinheitlichungsprinzip, indem er uns einerseits alle gleich macht, keine Unterschiede zwischen Menschen kennt, uns andererseits aber eine einzigartige Welt, ein individuelles Universum nimmt. Das Todesbewusstsein ist das Bewusstwerden der je eigenen Vergänglichkeit und Endlichkeit und dadurch eng an das Ich-Bewusstsein gekoppelt, schafft es doch auch ein Bewusstsein der eigenen Grenzen. Das Bewusstwerden der Vergänglichkeit ist letztendlich auch der Streifen Licht am Horizont, jene winzige Öffnung, in der sich Kultur (Sprache, Spiritualität, Kunst, eben alle symbolischen Formen) und Menschheit im Allgemeinen überhaupt erst eröffnen können. So gesehen ist das Todesbewusstsein untrennbar mit dem Kulturbegriff verbunden. Die Bewusstwerdung der Endlichkeit ist der Anbeginn der Menschheit und jeder Form von Kultur, wird zum Aufschub, zur Rationierung und Rationalisierung des Lebens.
Der Tod wird zum Zeichen. Das Zeichen ist der Tod. Indem er selbst zum Zeichen (für etwas) wird, entrückt er den natürlichen biologischen Prozessen und wird Kultur. Der Tod als Zeichen ist dem Leben (und Sterben) entrissen. In seiner (angsterfüllten) Antizipation ist er ein Bild, die Einbildung selbst das Verhältnis zum Tod. „Das Bild ist der Tod. Diese Behauptung ist wie folgt bestimmbar – oder unbestimmbar –: das Bild ist ein Tod, oder der Tod ist ein Bild. Die Einbildung befähigt das Leben, sich mit seiner eigenen Repräsentation zu affizieren.“ (Jacques Derrida, Grammatologie. Frankfurt am Main 1974. S. 314f.) Das Verhältnis zum Tod, die Antizipation des Todes (als Zeichen, als Bild, als Repräsentation) ist bestimmend für jede Kultur und jedes Individuum – ob als Angst, als (Für-)Sorge, als unbekannte Zukunft oder als natürlicher Prozess des Lebens (als Sterben). Und wenn der Tod selbst als Zeichen gedacht werden muss, der die Kultur bestimmt, dessen Antizipation die Spuren im Denken zieht und zur Sprache wird, hinterlässt er als konkreter, realer Akt, als die Endgültigkeit einer Abwesenheit dennoch Sprachlosigkeit. Die Welt steht still. Schweigen. Der Mensch, der gegangen ist und uns zurücklässt, antwortet nicht mehr auf unsere Fragen, hört nicht mehr auf seinen Namen. Der gemeinsame Raum als Möglichkeit für einen Dialog kollabiert, von nun an muss der/die eine den/die andere/n als Erinnerung in einem Monolog mit sich tragen. Die Welt ist fort, ich muss dich tragen. Ich muss dich in/als Erinnerung tragen, deinen Namen mit mir tragen, ich muss die Trauer, muss deinen Tod tragen, ich muss die Verantwortung des Nicht-Vergessens tragen, die Verantwortung, die wir beide im Anbeginn der – jedweder – Freundschaft übernommen haben. „Die philia jedenfalls beginnt mit der Möglichkeit zu überleben. Überleben – das ist der andere Name einer Trauer, die zumindest ihrer Möglichkeit nach nie auf sich warten lässt. Denn man überlebt nicht, ohne Trauer zu tragen. […] Was sich hier einmal mehr als brüchig und durchlässig erweist, ist die Differenz zwischen dem Wirklichen und dem Virtuellen, zwischen der Trauer und der Möglichkeit der Trauer. Die angsterfüllte Ahnung und Vorwegnahme der Trauer […] beschleicht einen a priori, sie nimmt sich selbst vorweg, sie sucht den Freund heim, stürzt ihn in eine Trauer vor der Trauer. Sie weint um ihn, bevor sie ihn beweint, sie klagt über den Tod vor dem Tod – und das ist der Atem der Freundschaft selbst, die äußerste Grenze ihrer Möglichkeit.“ (Jacques Derrida, Politik der Freundschaft. Frankfurt am Main 2000. S. 35.) Das Überleben ist die von beiden geteilte Asymmetrie der Freundschaft, die ich hier bereits andernorts erörterte. Beide Teile tragen den Tod des/der anderen als Bedingung der Möglichkeit von Freundschaft überhaupt von Anfang an in/mit sich.
Die Differenz zwischen dem Virtuellen und dem Wirklichen ist die Differenz zwischen dem Zeichen und dem realen Ereignis. Das Zeichen trägt den Tod in sich, es spricht als solches bereits über die Abwesenheit des Anderen, einer anderen Wirklichkeit, einer Außenwelt, die uns nur über Zeichen zugänglich und präsent wird. Aus diesem Grund ist der Tod als Zeichen, als allgemeine Vorwegnahme des konkreten, jeweils einzigartigen und endgültigen Ereignisses auch der Anbeginn, die Möglichkeit für die Entwicklung von Kultur, und das Verhältnis jeder Kultur zum Tod, dessen Antizipation, ist mitbestimmend für den individuellen Umgang mit dem Tod. Wer stirbt, stirbt doppelt, sowohl als reale Präsenz eines biologischen Körpers als auch als Zeichen produzierendes Bewusstsein, und reißt den je eigenen individuellen Gebrauch der allgemeinen Zeichen mit sich, die je eigene und einzigartige Welt. Jedes Zeichen ist ein Grabstein. Das Allgemeine (das Zeichen) ist Kultur (als Verweissystem), ist die Wiederholung, die Wiederholbarkeit und Umkehrbarkeit (auch in der Asymmetrie der Freundschaft), die Struktur des Zeichens. Der konkrete Akt, der individuelle Tod ist unumkehrbar und jeweils einzigartig. Er haucht dem Tod als Zeichen wieder Leben ein, indem er real wird. Die Trauer (die Angst, die Wut) ist keine vorgestellte, keine antizipierte, keine vorweggenommene mehr, sie kommt nicht mehr als Zeichen, sie wird verspürt, wird Leben. Der Freund in seiner Abwesenheit wird nunmehr als Zeichen (des Überlebens/der Überlebenden) anwesend. Die/der Überlebende ist gezeichnet, die/der Tote bezeichnet.   
„Der Tod kann einer Welt ein Ende setzen, aber er kann nicht das Ende der Welt bedeuten. Immer kann eine Welt eine andere überleben. Es gibt mehr als eine Welt. Mehr als eine mögliche Welt. […] Doch der Tod, der Tod selbst, wenn es denn einen gibt, läßt keinen Platz (place), nicht die geringste Chance, weder für eine Ersetzung (remplacement) noch für ein Überleben der einzigen und einzigartigen Welt, des ,Einzigen und Einzigartigen‘, das aus jedem Lebenden […] ein einziges und einzigartiges Lebendes macht.“ (Jacques Derrida, Jedes Mal einzigartig, das Ende der Welt. Wien 2007. S. 13.) Es bleibt in dieser absoluten und endgültigen Abwesenheit des Anderen nur der Trost, in Freundschaft verbunden an einer anderen, fremden Welt, einem unbekannten Universum teilgehabt zu haben und die Hoffnung, etwas aus dieser fremden Weltsicht, der Möglichkeit eines Perspektivenwechsels im Dialog in das eigene Denken aufgenommen zu haben. Die Welt ist fort, ich muss dich tragen.

Verfasser / in:

Wolfgang Oeggl

Datum:

Tue 27/07/2021

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Der Tod und das Zeichen I

Der Tod, das Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit, ist wesentlicher Bestandteil jeder Form von Kultur und wirkt als treibende Kraft im Anbeginn der Menschheit. Der Tod wird zum Zeichen, wird als Bild, als Antizipation, als Einbildung allgemein. Im konkreten Ereignis selbst aber individualisiert sich der Tod und bringt eine einzige und einzigartige Welt zum Verstummen.     

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Die Kolumne zeitenweise von Wolfgang Oeggl erscheint jeden 4. Dienstag im Monat.

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