_Rubrik: 

Sonntag
Wie die 'Grazer Schule' zweimal erfunden worden ist

Die erste Erfindung der „Grazer Schule“

Wie bei ihren deutschen Vorgängerinnen oder der Second Chicago School ist die erste Erwähnung der „Grazer Schule“ auf die lokale Technische Hochschule bezogen – mit einem signifikanten Unterschied: Der Terminus meint weniger die dort Lehrenden und deren Grundsätze als einige Studenten. Als der Wiener Architekturkritiker Friedrich Achleitner 1967 eine chronologische und nach Richtungen (aber nicht Schulen!) gegliederte Übersichtsdarstellung der österreichischen Architektur seit dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht, [10] kommt er natürlich immer wieder auch auf die Grazer beziehungsweise steirische Szene zu sprechen. Er erwähnt Eugen Gross (als von Konrad Wachsmann beeinflusst), Ferdinand Schuster (als Vertreter eines „humanen Funktionalismus“), die Werkgruppe Graz sowie Günther Domenig und Eilfried Huth (als Vertreter eines „erweiterten Funktionalismus“), deren Überbauung Ragnitz ausführlich besprochen wird. Im letzten, „Super-Funktionalismus und Gegenströmung“ übertitelten Kapitel stellt er den Wiener „Formalisten“ Hans Hollein und Walter Pichler eine Grazer Alternative gegenüber:

„Gegen die Prädominanz der Form wendet sich entschieden, wenigstens theoretisch, jene Gruppe von Architekten und Studenten, die mit der Grazer Technischen Hochschule verbunden sind. Wenn man auch in den Projekten den gleichen Trend zu plastischen und räumlichen Attraktionen feststellen kann, so ist der Hintergrund dieser Arbeiten doch ein funktionalistischer, das heißt, es wird die bauliche Form als das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit den für den Bau bestimmenden Faktoren angesehen. Diese komplizierte Auseinandersetzung
ist der Entwurfsprozess. Geteilt wird von dieser Gruppe der Optimismus in Bezug auf die Möglichkeiten der Umweltsveränderung und ihrer Beherrschung. Bernhard Hafner, einer der Exponenten der Gruppe, hat sich zu seiner Ausstellung (Graz, Juni 1966) auch ausführlich schriftlich geäußert. Viele dieser Gedanken können als charakteristisch für die ganze ‚Grazer Schule’ genommen werden: [...] Architekturen – noch so spezifisch und persönlichkeitsbezogen – werden auf ein ganzheitliches Strukturennetz projiziert und der Gemeinschaft der Gesamtheit unterworfen... Die Architektur des Gesamten ist wichtiger als Architekturen; so wird Architektur URBANE ARCHITEKTUR, vorerst Ausdruck des Bedarfes und der Geistigkeit der Gesellschaft, der Spannung zwischen persönlicher Freiheit [...] und kommunalem Erfordernis.“ [11]

Diese meines Wissens erste Erwähnung einer „Grazer Schule“ der Architektur ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Erstens wird sie von einem Außenstehenden, aus Wiener Perspektive und in Abgrenzung zur damals profiliertesten Position der dortigen Architekturavantgarde, Hans Hollein, vorgenommen. Zweitens bezieht sie sich zwar auf Architekten und Studenten der Grazer Technischen Hochschule, aber offensichtlich nicht auf Ferdinand Schuster, den einzigen ihrer Architekturprofessoren, den Achleitner erwähnt. Drittens bezieht sich die „Grazer Schule“ auch nicht auf jene Generation, die in den 50er Jahren studiert hat und nun erste Aufträge realisiert, wie die Werkgruppe, Domenig und Huth. Als Vertreter der „Grazer Schule“ namentlich erwähnt wird nur der 27-jährige Hafner, im Abbildungsteil kommen neben ihm noch seine gleichaltrigen Studienkollegen Klaus
W. Gartler und Helmut Rieder vor. [12]

Hafner hatte wie Gartler und Rieder 1965 sein Diplom gemacht und 1966–1967 noch ein Masterstudium in Harvard angehängt. Die „Grazer Schule“ besteht 1967 also aus drei Endzwanzigern, die gerade erst ihr Studium abgeschlossen haben beziehungsweise noch weiter studieren. Wenn es einen „Lehrer“ dieser Schule gibt, dann ist es Hafner, der als ihr theoretischer Kopf und – wie wir gleich sehen werden – Organisator nach außen hin auftritt. Inhaltlich geht es dieser „Grazer Schule“ um eine Erweiterung des allzu sehr auf das Einzelgebäude fixierten Architekturbegriffs in Richtung urbaner (Mega-)Strukturen. Die Entwürfe bewegen sich in teils utopischen, teils realisierbaren Dimensionen, und siedeln sich im Kontext der internationalen Architekturavantgarde von Archigram bis Yona Friedman an. [13]

Der „Erfinder“ der „Grazer Schule“, der damals 37-jährige Friedrich Achleitner, ist zu dieser Zeit bereits die unangefochtene Autorität der österreichischen Architekturkritik. Zunächst an der Akademie der bildenden Künste als Architekt ausgebildet, gehört er mit H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener der avantgardistischen „Wiener Gruppe“ (ca. 1954–1960) an, die mit ihren „Literarischen Cabarets“ die Happenings von Allan Kaprow und Wolf Vostell vorwegnimmt. [14] Neben seiner Karriere als Dichter beginnt er 1961 in der Abend-Zeitung eine Kolumne mit dem Titel „Bausünden“ und ein Jahr darauf in der Wiener Tageszeitung Die Presse die Rubrik „Neues Bauen, kritisch betrachtet“, [15] womit er eigentlich das Genre der Architekturkritik für die österreichische Presselandschaft wiederbegründet. Achleitners Texte, die sich durch hohe Fachkenntnis, ein kompromissloses Urteil und eine knappe, allgemein verständliche Sprache auszeichnen, gestalten den Aufbruch aus der akademisch angepassten Nachkriegsmoderne in entscheidender Weise mit. Spätestens mit der Publikation des ersten Bandes seines Opus magnum, der Österreichische[n] Architektur im 20. Jahrhundert, [16] gilt er nur mehr als der Achleitner, dessen Urteil geradezu kanonischen Status besitzt. Achleitners Bezeichnung einer Gruppe von Studenten als „Schule“ überrascht, weist aber im Wien der 60er Jahre ein besonders populäres Vorbild auf: 1947 hatte der Kunstkritiker Johann Muschik anlässlich der Besprechung der ersten Art-Club-Ausstellung eine Gruppe junger Studenten des magischen Realisten und Akademieprofessors Albert Paris Gütersloh als „Wiener Schule“ bezeichnet, ohne dass ihr Lehrer mitgemeint war. [17] Muschik betätigte sich in der Folge als rühriger PR-Agent dieser „Schule“, deren Namen er 1959 zur „Wiener Schule des phantastischen Realismus“ erweiterte. Der Schulbegriff traf insofern zu, als die „phantastischen Realisten“ in Abgrenzung von der damals vorwiegend antiakademischen und der Abstraktion verpflichteten Avantgarde eine altmeisterlich-akademische Malweise pflegten, die national wie international auf große Beachtung stieß. Mit wachsendem Erfolg erlangten die „Wiener Schüler“ ab 1968 vier Professuren an der Wiener Akademie der bildenden Künste, [18] wodurch sie erst recht schulbildend wirken konnten, sodass die zweite und dritte Generation phantastischer Realisten bald gegen 100 Adepten zählte. Als Achleitner den Begriff „Grazer Schule“ prägte, hatte die – ideologisch natürlich völlig anders geartete – „Wiener Schule“ gerade den Zenit ihres bald wieder erlöschenden Ruhmes erreicht; mit dem Schulbegriff zu hantieren lag im Wiener Kulturbetrieb also nahe. Anders als Muschik im Fall der „Wiener Schule“ verstand sich Achleitner aber nicht als Propagandist der Grazer; bei aller Sympathie bewahrte er immer eine kritische Distanz. „Grazer Schule“ fungierte für ihn als Differenzbegriff zu der ihm räumlich wie persönlich nahe stehenden Wiener Architekturszene; ein „Anderes“ wurde damit markiert, das es für den – wie damals allgemein üblich – mit großen Strömungen, Ismen und stilbegriffen hantierenden Kritiker zu klassifizieren galt.

Als 1969 in La-Chaux-de-Fonds, dem Geburtsort Le Corbusiers, eine Ausstellung über Österreichische Architektur 1960–1970 stattfindet, verfasst Achleitner für den Katalog wieder einen Überblicksbeitrag, [19] überlässt aber den beiden Wiener Architekten Herbert Prader und Franz Fehringer die Vorstellung der „nächsten Generation“. Zwar spricht Achleitner wieder von Schuster, Domenig und Huth, die in der Ausstellung auch mit Projekten vertreten sind, aber konsequenterweise nicht von einer „Grazer Schule“. Dies bleibt Prader und Fehringer vorbehalten, die eine zu Wien „ab 1965 parallele Entwicklung [...] an der TH Graz“ beschreiben: „Hier entwickelt sich eine, vor allem formal-logische, studentische ‚Schule in der Schule’ (Hafner, Rieder, Gartler, St. Florian, Turner [sic!], Fritz, Missoni u. a.).“ [20] Es folgen kurze Erwähnungen von Gartlers, Rieders und Hafners Turmstädten und Strukturmodellen sowie der Turmstädte des älteren Friedrich St. Florian (geboren 1931, Diplom 1958) und der Hinweis, dass Rieder nach Paris, Hafner in die USA und St. Florian nach Rom gegangen sind. Die „Grazer Schule“ hat sich also personell und auch generationsmäßig leicht erweitert; sie ist aber hinsichtlich ihrer Protagonisten, ihrem Ursprung – der TH Graz – und ihrer Ausrichtung Achleitners Definition treu geblieben.

Prader und Fehringer heben auch hervor, dass die „Grazer Schule“ über ein reichhaltiges theoretisches Programm verfüge, wenngleich sie nichts Gebautes vorweisen könne und sich aufgrund des Exodus ihrer Vertreter aufzulösen scheine: „Die ‚Grazer Schule’ war literarisch überaus fruchtbar (wenn auch oft sehr dunkel) im intensiven Bemühen um tragfähige neue geistige Fundierungen und Denkkonzepte und um eine neue Sicht gesellschaftlicher Zusammenhänge. Sie endet zwar scheinbar in einigen Ausstellungen, ihr Einfluß bleibt aber gegenwärtig, vor allem auf dem Gebiet des Formerdenkens als Ausfluss einer Neuformulierung der Bauaufgaben.“ [21]

Im selben Jahr widmet Hans Hollein eine Doppelnummer des Bau, der damals wichtigsten Architekturzeitschrift Österreichs, den „neue[n] Konzeptionen aus Graz“. [22] Als Gastredakteur engagiert er den mittlerweile in Los Angeles lebenden Bernhard Hafner. Ohne Achleitners Terminus „Grazer Schule“ zu verwenden (der von außen gekommene Begriff ist ihm wohl zu kunsthistorisch und akademisch), konzentriert sich Hafners Zusammenstellung ausschließlich auf diese: auf an der Technischen Hochschule entstandene Studentenarbeiten aus den Jahren 1963 bis 1968. Die Anthologie startet mit einem Editorial von Hafner und zwei Kurztexten von Klaus W. Gartler, um dannProjekte von Gartler und Helmut Rieder auszubreiten, beginnend mit deren utopischer Vision einer vertikalen Stadt für Graz, gefolgt von Infrastrukturprojekten und mobilen Architekturen von Konrad Frey und Gerhart Fritz.

[10] Friedrich Achleitner, Aufforderung zum Vertrauen. Architektur seit 1945, in: Otto Breicha/Gerhard Fritsch (Hg.), Aufforderung zum Misstrauen. Literatur Bildende Kunst Musik in Österreich seit 1945, Salzburg 1967, 561–584.
[11] Ebd., 581.
[12] Ebd., 630 f. Vgl. die Kurzbiografien von Gartler, Hafner und Rieder in: Günther Feuerstein, Visionäre Architektur Wien 1958/1988, Berlin 1988, 225, 227 und 277.
[13] Vgl. dazu die Beiträge von Konrad Frey (130–150), Eugen Gross (214–225), Eilfried Huth (166–179) und Claudia Wrumnig (226–237) in diesem Band.
[14] Vgl. Peter Weibel, Die Wiener Gruppe/The Vienna Group. Ein Moment der Moderne. 1954–1960. Die Visuelle Arbeiten und die Aktionen. Österreichs Beitrag zur 47. Biennale von Venedig 1997, Wien-New York 1997.
[15] Vgl. Friedrich Achleitner, Vorwort, in: ders., Nieder mit Fischer von Erlach, Salzburg-Wien 1986, 9 f.
[16] Vgl. Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in drei Bänden, Bd. 1, Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Salzburg-Wien 1980.
[17] Johann Muschik, Die Vorschau des Art-Club, in: Österreichisches Tagebuch, 26.04.1947, zit. n. ders., Die Wiener Schule des phantastischen Realismus, Wien-München 1974, 59. Dazu und zum Folgenden vgl. Anselm Wagner, Eine Wiener Schule. Die „phantastischen Realisten“ als Medienphänomen, in: Andererseits: die Phantastik. Imaginäre Welten in Kunst und Alltagskultur, Ausst.-Kat. Oberösterreichische Landesmuseen Linz, Weitra 2003, 215–234.
[18] Rudolf Hausner wurde 1968, Anton Lehmden 1971, Wolfgang Hutter 1974 und Arik Brauer 1986 an die Wiener Akademie der bildenden Künste berufen.
[19] Friedrich Achleitner, Bemerkungen zum Thema ‚Österreichische Architektur’, in: Österreichische Gesellschaft für Architektur (Hg.), Österreichische Architektur 1960–1970, Ausst.-Kat. La-Chaux-de-Fonds, Wien 1969, o. P.
[20] Herbert Prader/Franz Fehringer, Die nächste Generation – Konturen – Tendenzen, in: ebd., o. P.
[21] Ebd.
[22] Bau. Schrift für Architektur und Städtebau 24 (1969), H. 4/5, 25.

Verfasser / in:

Anselm Wagner

Datum:

Sun 10/03/2013

Terminempfehlungen

Artikelempfehlungen der Redaktion

Infobox

Der Essay wurde der Publikation "Was bleibt von der "Grazer Schule"? Architektur-Utopien seit den 1960ern revisited" (S. 55-73), die 2012 von Anselm Wagner und Antje Senarclens de Gracy im Jovis Verlag herausgegeben wurde,  mit freundlicher Genehmigung des Verlags sowie von Anselm Wagner  zur Wiederveröffentlichung auf www.gat.st entnommen. Am kommenden Sonntag erscheint in der Reihe "sonnTAG" der Essay "Konkrete Utopie *)-- Positionen aus Graz 1965-68" von Konrad Frey aus eben dieser Publikation.

Anselm Wagner leitet das Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz

Kontakt:

Kommentar antworten