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©: Jomo Ruderer

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Sonntag
Smart City

Im schlimmsten Fall ist es die auf den Moment optimierte Stadt, aus jetziger Sicht rationale Stadt, kontrollierte Stadt, überwachte Stadt. Räume auf den heutigen Gebrauch ausgelegt, effizient und immer genutzt. Alles ist vernetzt. Alles hat ein Feedback. Wieso ist das denn der schlimmste Fall? Was heißt denn optimieren? Und was kann man optimieren?

Städte sind keine Maschinen oder Maschinenprozesse. Eine Stadt repräsentiert mit ihren komplexen Netzwerkstrukturen viel eher einen Organismus. Es gibt Stadtqualitäten, die können nur durch Flaute bzw. freie Ressourcen entstehen. Ineffizient sein ist ein Luxus um Dinge auszuprobieren zu können, selbst wenn alles zu funktionieren scheint, sowie eine Ressource bei unvorhergesehen Ereignissen, wie zum Beispiel Leerstand als Puffer nach einem Erdbeben oder einem Hochwasser.
Optimierung kann zur politischen Gefahr werden, wenn aus Gründen der „funktionierenden“ Stadt und Wirtschaft Stadtproteste und Versammlungen verhindert werden. Solche Ventile sind notwendig um politischen Entwicklungen zu evaluieren und politische Fehlentscheidungen frühzeitig zu erkennen. Optimierung läuft hier Gefahr, das Recht auf Selbstdarstellung zu nehmen.(7) Die Optimierung lässt auch ein weites Gedankenspiel zu. In Paris im 19. Jahrhundert war es Georges-Eugène Haussmanns Städteplanung, die dem neuen Bürgertum aus Gründen der Hygiene und zum Flanieren die wunderschönen Boulevards durch die Stadt riss. Die neuen Boulevards ermöglichten jedoch auch, dasselbe aufstrebende neue Bürgertum im Falle eines Aufstands einfacher militärisch unter Kontrolle zu halten.

Mit dem Entstehen der Großstädte im 19. Jh beginnen auch erste Utopien und Distopien möglicher Entwicklungen der Großstädte. So ist es Fritz Lang mit Metropolis, der 1927 mit dem ersten Science-Fiction Film in Spielfilmlänge eine Dystopie der Großstadt aufzeigt. In Metropolis regiert Joh Fredersen als Alleinherrscher über die Stadt und in seinem neuen Turm zu Babel überwacht er eine Zwei-Klassengesellschaft. Es braucht nicht viel Fantasie, um Vergleiche zum Überwachungsraum von IBM names Intelligent Operations Center in Rio de Janeiro herzustellen.(8)

Heutige wirtschaftliche und ökologische Interessen spielen mit der Vorhersehbarkeit menschlichen Handelns, um dadurch effiziente Ampelschaltungen, Lichtsteuerung und Gebäudeauslastungen zu optimieren. Vernetzte Datensysteme können genau das bieten. Daten sind Macht und wer Zugang hat, ist mächtig. Es gibt einen Grund, warum die unglaublichen Dienste von Google, Facebook, Dropbox und Co. gratis sind. Wir bezahlen mit Vorhersehbarkeit. Die Smart City ermöglicht neben einfacheren, vernetzten und ökologischen Stadtoptimierungsprozessen Überblick über unser Handeln zu bekommen.

Neben der Vorhersehbarkeit nimmt auch die Überwachungsmöglichkeit in der Smart City eine besorgniserregende Rolle ein. Neben den Kameras an öffentlichen Orten sind es auch Sensoren wie der Intelligente Strommesser (Smart Meter), der bis in den Privatraum eindringt und eine ständige Überwachung möglich macht. Mit dem Smart Meter ist es möglich zu messen, wie viele Leute in einer Wohnung leben. Das mag auf den ersten Blick nicht besorgniserregend sein, kann aber eine große Rolle spielen, wenn man zum Beispiel in einer geförderten Singlewohnung gegen seinen Mietvertrag verstößt, indem ein Freund ein paar Wochen bei einem Unterkunft findet.
Man kann vom Duschverhalten bis zum Fernsehprogramm das Privatleben durchleuchten. Solche theoretischen Einblicke machen die eigenen vier Wände zu einem digitalen Panoptikum, bei dem man sich der ständigen Selbstkontrolle unterworfen fühlt. Mit dem Panoptismus beschreibt Foucault das Disziplinierungsphänomen, bei dem sich das Individuum aufgrund einer möglichen Überwachung ständig an normative Verhaltenserwartungen anpasst. Somit führen Sensoren, die der Sicherheit und dem ökologischem Ressourcenverbrauch dienen, in einem vernetzten System zur ständigen Überwachung unseres Verhaltens und dies führt zur Selbstdisziplinierung.

„Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung.“(9)

Auch die E-Demokratie scheint oft ein Teil der Smart City zu sein. Befragungen mit ja / nein Antworten tragen selten zu einer Diskussion bei. Sie reduzieren Themen auf ein Mindestmaß. Fragestellungen nehmen Antworten teilweise schon vorweg. Und selbst wenn sich ein Problem, das sich mit einer ja / nein Frage lösen lässt, findet, stellt sich wieder die Frage, wer hat Zugang zur digitalen Demokratie? Der Umgang mit dem Computer wird vorausgesetzt. Speziell die ältere Generationen (aber nicht nur diese) ist stark benachteiligt und wird somit ausgegrenzt.

Der Smart City Begriff ist ein Kind des Neoliberalismus. Und wie so viele Begriffe, die sich in diesem Kontext durchsetzen, ist er ein Begriff, den wir nicht verneinen können. Wir können nicht gegen Smart City sein, ebenso nicht gegen E-Demokratie und auch nicht gegen ökologisches Handeln, Vernetzung, Nachhaltigkeit und Effizienz sein. Wobei, wieso eigentlich nicht?
Rem Koolhaas schreibt in seinen Gedanken über die Smart City: „To save the city, we may have to destroy it (Anm. Smart City)…“(10)

Vielleicht müssen wir sie nicht gleich zerstören, aber wir müssen aufwachen. Oder wie es Stéphane Hessel sagt, uns empören. Smart City ist ein big business. Smart ist ein beliebter Begriff in der IKT-Branche und wir müssen fragen, was so smart daran ist. Wer profitiert, wer wirbt, wer entscheidet und für wen wird optimiert? Und wie abhängig werden wir von der Stadt?

„We don’t make cities in order to make buildings and infrastructure. We make cities in order to come together, to create wealth, culture, more people. As social animals, we create the city to be with other people, to work, live, play. Buildings, vehicles and infrastructure are mere enablers, not drivers. They are a side-effect, a by-product, of people and culture. Of choosing the city.“(11)

(1) Smart City Graz: Online unter: http://www.smartcitygraz.at, Zugriff: 17.11.2014
(2) Vgl. Holert, Tom: Intelligenz, in: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart, Berlin 2004, 125
(3) Vgl. Laimer, Christoph: Smart Cities. Zurück in die Zukunft, in dérive, Zeitschrift für Stadtforschung 56 (2014), 5
(4) Vgl. IBM, Smarter Cities, People, 2014, online unter: http://www.ibm.com/smarterplanet/us/en/smarter_cities/human_services/, Zugriff: 17.11.2014
(5) Vgl. Laimer, Christoph: Smart Cities. Zurück in die Zukunft, in dérive, Zeitschrift für Stadtforschung 56 (2014), 6-7
(6) Vgl. Grabner, Martin: Learning from Gründerzeit (2011). In: GAT - Verein zur Förderung steirischer Architektur im Internet, Online unter: http://gat.st/news/learning-gruenderzeit, Zugriff: 30.11.2014
(7) Vgl. Greenfield, Adam: The smart city is predicated on an inappropriate model of optimization, in dérive, Zeitschrift für Stadtforschung 56 (2014), 23-26
(8) Vgl. Greenfield, Adam: The smart city is predicated on an inappropriate model of optimization, in dérive, Zeitschrift für Stadtforschung 56 (2014), 23
(9) Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1994
(10) Koolhaas, Rem: My thoughts on the smart city. In: Digital Minds for a New Europe (2014), Online unter: https://ec.europa.eu/commission_2010-2014/kroes/en/content/digital-minds..., Zugriff: 30.11.2014
(11) Hill, Dan: On the smart city. Or, a 'manifesto' for smart citizens instead, in: City of Sound, Online unter: http://www.cityofsound.com/blog/, Zugriff: 1.12.2014

Verfasser / in:

Jomo Ruderer

Datum:

Sun 08/03/2015

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Kritische Betrachtung des Modebegriffs Smart City

Essay von Jomo Ruderer im Rahmen der Projektübung Digitales Lexikon architektonischer Modebegriffe am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz im Wintersemester 2014/15.

Leitung: Anselm Wagner, Ana Jeinić, Christian Hoffelner, Karin Tschavgova.

Sämtliche Arbeiten zum Thema architektonische Modebegriffe sind veröffentlicht unter dem Link unten.

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